Art-Photography

© 2017 Thorsten Kern
Funktionsformen

Autorin: Marika Dresselhaus
Rosa leuchtende Pressfleischscheiben, sonnengelb panierte Fischtorteletts, quietschgrüne Weingummischnüre – „FUNKTIONSFORMEN“. Fertigprodukte - in Bezug auf Aussehen, Geschmack und Zusammensetzung identisch hergestellt und in scheinbar unendlicher Massenhaftigkeit vermarktet. Convenience Food passt ideal in den aktuellen und zunehmend beschleunigten Lebensstil der heutigen Gesellschaft. Es ist jederzeit saisonunabhängig, zeitsparend und ohne Kochkenntnisse aus dem Stehgreif verzehrbereit.  

„Quadratisch, praktisch, gut!“, „Gesunde Vitamine naschen!“, „Für den kleinen Hunger zwischendurch!“

Im Lebensmittelmarkt und damit auch in der Werbewirtschaft, geht es um die Wurst. Warhol stellte in den 60ern fest: „What do you get, when you put a chocolate bar between two pieces of white bread? A cake!” und sein trockener Humor hat schon damals darauf verwiesen, dass die Werbeversprechen der Nahrungsmittelindustrie im krassen Gegensatz zu den Alltagsbefunden stehen. Kein Wunder, dass der Slogan der Kindermilchschnitte in 2008 zur Werbelüge des Jahres gewählt wurde, enthält der angeblich gesunde Pausensnack doch mehr Zucker und Fett als ein Stück Schoko-Sahnetorte. Tatsächlich verschlechtern sich die Essgewohnheiten in Zeiten des DIN-genormten „Food Designs“ und zunehmendem „Functional Food“-Angebots: Übergewicht-, Diabetes- und Kariesraten steigen bei Kindern seit Jahren an. Das Geschmacksempfinden des Verbrauchers hat sich dem mittlerweile weit verbreiteten Einsatz künstlicher Aromastoffe angepasst: zugunsten des standardisierten Massengeschmacks wird längst mehr und mehr auf Naturbelassenes verzichtet.

In meiner aktuellen Fotoserie FUNKTIONSFORMEN „spiele“ ich nicht nur im Titel mit den angesprochenen Widersprüchen. Ästhetisch ansprechend, optisch perfekt, betont zentriert, einfarbig und überdimensioniert positioniere ich Fertigfood bildfüllend vor schwarzem Hintergrund. So verstärkt sich für den Betrachter nicht nur einerseits die Leuchtkraft der essbaren Objekte, weckt teilweise sogar die Assoziation von Gift. Ihre gleichzeitig übergroße, isolierte Darstellung entfernt sie andererseits aus dem Kontext der alltäglichen Lebenswelt und eröffnet so Raum für Reflexion.
Kerns Kraft

Magazin „Junge Kunst 87“ Heft 02/2011:
Autor: Ulrich J. C. Harz
Sie sind ein Topos der Gegenwartsgesellschaft, der kellnernde Schauspieler und sein Kollege, der Taxi fahrende Künstler; 12. – 20.000 Euro Jahreseinkommen, mit MacJobs an Hartz IV knapp vorbei, Hungerkünstler eben.
Besser geht es der Species homo fotograficus. Selbst wenn die Fotokunst darbt, bieten sich Quereinstiege zur Presse- und Porträtfotografie, verdient der Knipser als rasender Fotoreporter oder als Hoffotograf, der auf allen Hochzeiten tanzt.
Wir sprechen nicht von Candida Höfer, Andreas Gursky, Boris Becker und anderen Foto-Millionären, sondern dem Künstler-Fotografen, der ein zweites Standbein für seine Existenz braucht und sei es auch die Werbung.

Vom Handwerk zum Kopfwerk

Zu Besuch bei Thorsten Kern. Der Kölner vom Jahrgang 68 hat die Ochsentour gemacht. Drei Jahre Fotografenlehre, Assi-Jobs, angestellter Agentur-Fotograf, seit 1997 selbständiger Fotograf mit allen Aufs und Abs, Frau und Kind, Atelier und Künstlersozialversicherung. Sein Hinterhausatelier in der bürgerlichen Hillerstrasse atmet nicht Düsseldorfer Chic, sondern Kölner Ehrlichkeit, die Location ist kreativ für Werbeleute und basic für Kunstfreunde, über dem Atelier wohnt ein Künstlerpärchen im luftigen Loft. Hier gelingt der tägliche Spagat zwischen Art und Art-Direction. Seit Michael Schirner sein Postulat „Werbung ist Kunst“ zwischen Buchdeckel gepresst hat, sind die Übergänge fließend geworden. Kern ist eher Künstler als Werber, Streetlook mit Jeans, Hemd, Cap, kein Werberschwarz, kein Markenkult. Dafür bedächtiges Auftreten, langsames Formulieren, eher Zurücknahme und Bescheidenheit. Thorsten Kern hat in den Jahren vor den Krisen begonnen als Stills-Fotograf, als einer, der Sachen fotografiert, keine Menschen. Auch die Kunst-Kerns sind konsequent menschenlos. Dafür kann er Verpackungen, Schmuck, Nahrungsmittel, Glas fotografieren als Objekte der Begierde. Stills-Fotografen sind der Typ Tüftler, Genauigkeitsfanatiker, Perfektionist, sie haben Zeit und keine nervenden Models um sich. Bezahlt werden sie wie alle Werbefotografen nach Tagessatz, ein Weltmeister wie Helmut Newton verlangte 50.000 $, einen Kölner Meister wie Thorsten Kern bekommt man schon für 1.800 €. Aber fast alle Agenturen handeln noch am Preis herum.

Knete, Kunst und Kommerz

Wie kommt der Kern zur Kunst? Ein Foto-Kunde, Werbe-Tycoon und New-Economy-Gewinnler kauft eine bombastische Villa, hat dann aber kein Geld mehr für Kunst an die Wände. Also ein typischer Kölner. Kern muss ran, große Formate müssen her. Es entstehen jene Formate, die später typisch werden, große Quadrate oder Trypticha mit drei Bildelementen im Format 20 x 200, das meisterliche Dom-Triptychon macht Kern in Köln weltberühmt, es hängt noch heute in seinem Atelier.
Kerns exzentrischer Blick ist irritatives Sehen. Für seine Projekte „Revisited“, „Geteiltes Land“ und „Geo“ geht er auf Reisen. Er zeigt Orte, die jeder kennt, aber so, wie sie noch niemand sah. Ob Atomium, Eiffelturm oder Buckingham Palace, die Vertrautheit des Bekannten schwindet und macht neuem Unbekannten Platz. Kern fordert von seinen Betrachtern einen Dreisprung: „Angucken. Ergänzen. Denken.“
Eines der Meisterwerke Kerns ist „Heim“ ein hoch verdichtetes Porträt des Guggenheim Museums. Als Kern hört, das Guggenheim interessiere sich für seine Arbeit, schickt er einen von 10 Abzügen nach Big Apple. Keine Antwort, keine Reaktion, kein Honorar. Aber Kern weiß aus sicherer Quelle, das Blatt hängt im Flur der Ex-Freundin von Guggenheim-Enkel Nicolas Helion. Die Wege der Kunstgeschichte sind unerfindlich.

Es geht um die Wurst

Für ein Kern-Original zahlen Sammler um die 3.000 Euro, das Masterpiece „Heim“ ist in einer 10 + 2E.A. verkauft und unter Kunstfreunden begehrt.
Kern nennt sein neues Thema Funktionsformen , Oberflächenansichten von industriell gefertigter Nahrung, von Massenprodukten für den Einheitsgeschmack, rund in der Form, groß im Format. Ob Schokolinse oder Fleischwurst, ob Hähnchenformfleisch oder Scheiblette, Kern zeigt die Oberfläche des Nahrungsmittels im Zeitalter seiner industriellen Reproduzierbarkeit. „Funktionsformen“ sind übrigens das letzte und aktuellste Kapitel einer Kern-Retrospektive, die am 15. Oktober auf Schloss Paffendorf ihre Tore öffnet.
Thorsten Kern hat mal 60% seines Lebensunterhalts mit Kunst bestritten, 40% mit Werbung, aktuell nimmt die Kunst gerade 10% ein, ist aber wieder deutlich im Aufwind. Solche Schwankungen kennt und akzeptiert der Künstler als Teil einer nicht eben bourgeoisen Existenz. Sie sind ein guter Grund für ein zweites Standbein. Müsste Kern wählen, würde er sich als Familienvater für die Werbung entscheiden, aber auch seine Vorbilder Chargesheimer und Elliot Erwitt waren Wanderer zwischen den Welten von Kunst und Kommerz. Kern sieht diesen Gegensatz völlig undramatisch, ihm gefällt der lakonische Erwitt-Ausspruch: „Wenn man Fotograf ist, fotografiert man eben.“
Aber dennoch hat der Künstler zwei Webseiten, unter www.kern-fotografie.de finden ihn die Werber, die Kunstfreunde gehen auf www.thorstenkern.com.
Nach 15 Jahren in parallelen Welten sieht Kern vieles abgeklärter, schätzt die Kunstwelt als brutaler ein als die Werbung:“ In der Werbung fragt Dich keiner, wo Du herkommst, was für Diplome Du hast, wenn Du kreativ bist, dann bist Du das eben. In der Kunstwelt zählt, von welcher Akademie Du kommst, welches Netzwerk Du dir aufgebaut hast. Und ich habe eben nicht Künstler gelernt.“ So sieht sich der Fotograf Kern zwischen den Polen der kunsthandwerklichen Arztgattin und dem Akademiekünstler als einer ganz ohne Kunstführerschein. Nach Ausstellungen in Hamburg, Brüssel und Duisburg bricht er jetzt zu bundesrepublikanischer Bekanntheit auf, nachdem er in Köln vor kurzem bei einer Ausstellung gehört hat: „Guck mal, das ist doch ein Kern.“

In der Kunst keine Kompromisse machen zu müssen kann man sich eben auch damit erkaufen, mal eine Fräulein Antje-Butter oder eine Sanella-Packung zu fotografieren.
11 Jahre Fotografie von Thorsten Kern

Pressemitteilung Galerie Schriever, 05.02.2010
Die Galerie Schriever zeigt derzeit die Höhepunkte der letzten 11 Jahre aus dem fotografischen Werk des Künstlers Thorsten Kern. Ausgestellt wird in den Galerieräumen in der Pfeilstraße 11, bevor sie dann im März in die Albertusstraße 18 umziehen wird!

Auf minimalistische, oft auch humorvolle Art zeigt uns der Kölner Fotograf Thorsten Kern, geb. 1968, dass für ihn die Fotografie mehr sein muss, als das symmetrische Konzept und der goldene Schnitt. Mit seinen Fotografien von reduzierter Ästhetik und in extremen, oft mehrteiligen Formaten entzieht er dem Betrachter das vollständige Bild und lässt ihn so ganz automatisch Teil seines künstlerischen Konzepts werden.

Kern, der das Handwerk des Fotografen erlernt hat und seit 1997 künstlerisch tätig ist, sieht seine Vorbilder u.a. in der Düsseldorfer Schule der 90er Jahre. Mit seinen extrem schmalen Hoch- und Querformaten hat er einen ganz eigenen Weg des Ausdrucks gefunden, der zu seinem Markenzeichen wurde. Seitdem sind von S/W Panoramen bis hin zu farbreduzierten Fotografien verschiedene Serien entstanden, die - wie in der Serie „Revisited“- weltberühmte Plätze und Touristenattraktionen zeigen; aber ganz bewusst keine Postkartenansichten sondern begrenzte und in jedem Fall ungewöhnliche Ausschnitte. „Wir beenden unsere Zeit in der Pfeilstraße mit Thorsten Kern, der nach zahlreichen Ausstellungen und vielen gemeinsamen Projekten zum festen Künstlerstamm und als einer der besonders viel versprechenden Künstler der Galerie zählt und freuen uns, ihn auch in den neuen Räumen weiterhin vertreten zu dürfen“, so die Galeristen Ralph Schriever und Martina Kaiser.

"Seiner Wahlheimat Köln hat Kern mit "Köln_Revisited" eine eigene Serie gewidmet, in der er die Wahrzeichen der Stadt und für Kölner bedeutsamen Plätze aus außergewöhnlichen Blickwinkeln fotografiert und oft als mehrteilige Arbeiten festgehalten hat.
Big Ben und Prater im Forum

Rheinische Post, 15.11.2007, Autorin: Monika Klein
Leverkusen (RP) Thorsten Kern präsentiert bis einschließlich 16. Dezember seine Ausstellung „revisited“ in Leverkusen. Er hat weltberühmte Plätze und Touristenattraktionen abgelichtet – allerdings aus einer speziellen Sicht. Es scheint, als habe man hohe, schlanke Fenster in das Seitenfoyer gebrochen, durch die nun Ausblicke gewährt werden. Die Sichten sind allerdings vorübergehend, genau genommen bis zum 16. Dezember, wenn die Ausstellung „revisited“ mit Fotografien von Thorsten Kern wieder abgebaut wird.

Kern hat lauter weltberühmte Plätze und Touristenattraktionen abgelichtet, wählte bewusst Motive, die viele Menschen aus Bildbänden kennen oder selbst besucht haben. Und doch muss man sich eine Weile in seine Bilder hinein vertiefen, bis es im Gehirn Klick macht. Das genau ist die Absicht des Kölner Künstlers, der keine akademische Ausbildung hat, sondern eine handwerkliche. Er machte eine Lehre als Fotograf und arbeitete in der Werbebranche bis er 1999 sein erstes künstlerisches Projekt umsetzte.

Dass seine Serie „revisited“ wirkt wie Blicke aus dem Fenster, hat Thorsten Kern durchaus beabsichtigt. Denn er wählt grundsätzlich keine Postkartenansichten von Wahrzeichen und berühmten Bauwerken, sondern bewusst ganz begrenzte und in jedem Fall ungewöhnliche Ausschnitte. Über die Irritation, das Aha-Erlebnis möchte er ins Gespräch kommen und den Betrachter zwingen, sich länger mit seinen Arbeiten auseinanderzusetzen.

Die spiegelnde Wasserfläche links mag man nur als Amsterdamer Gracht erkennen, weil am oberen Rand ein Rundfahrtschiff angeschnitten ist. Big Ben in London sieht man erst auf den zweiten Blick, weil er völlig untypisch hinter einem Gerüst verborgen ist, und das Bild vom Hamburger Fischmarkt zeigt im Vordergrund eine Bratwurstbude. Ein Mülleimer dominiert das Foto von der Fassade des Kölner Doms, und beim Wiener Prater oder dem Atomium in Brüssel ragen nur noch die äußersten Zipfel der Konstruktionen in das Bild eines grauen Himmels. Diese Idee lässt sich auf die Spitze treiben, wenn dem Betrachter auch noch das vollständige Bild entzogen wird. Das hat Kern beispielsweise mit der Aufnahme einer Hochmoorlandschaft gemacht. Nur drei dünne Längsstreifen schnitt er aus dem Foto und hängte sie mit entsprechendem Abstand an die Wand. Die weißen Zwischenräume muss der Betrachter nun in seiner Vorstellung selbst ergänzen.

In dieser Richtung könne er sich noch viele Dinge vorstellen, sagt der Künstler, der auch weitere seiner Stadtansichten plant. Wegen der Meerjungfrau will er nach Kopenhagen, und in Leverkusen hat er auch bereits über ein Motiv nachgedacht: das Bayerkreuz.

Weitere Presseveröffentlichungen als Downloads (pdf):

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